Muhammad Asad

DER WE G

NACH MEKK A

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INHALT

Vorwort (Murad Wilfried Hofmann) 7

Die Geschichte einer Geschichte 1 3 I Durst '" ........ ........... ........ ..... 2 3 11 Wegesanfang......................................... 6 1 111 Winde.............................................. 9 3 IV Stimmen....... ..................................... 13 3 V Geist und Fleisch 17 1 VI Träume............................................. 20 1 VII Wegesmitte :...................... 22 3 VIII Dschinne ............................................ 26 3 IX PersischerBrief. ...................................... 29 9 X Daddschal........................................... 33 5 XI Dschihad. ........................................... 36 9 XII Wegesende 40 5

Erklärung der persischen und arabischen Ausdrücke. . . . . . . . . . . .. 439 VerzeichnisderAbbildungen. .............................. .. 443

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VORWORT

Muhammad Asad -Journalist, Diplomat, Aktivist, Gelehrter und Schriftsteller -gilt als einflußreichster muslimischer Intellektueller des 20. Jahrhunderts -einer an überragenden europäischen Muslimen -Rene Guenon, Marmaduke Pickthall, Frithjof Schuon, Martin Lings, Alija Izetbegovic -keineswegs armen Zeit.

Asad wurde am 2. Juli 1900 in Lemberg (Lwow) / Galizien als Leopold Weiss in eine polnisch-jüdische Akademikerfamilie geboren. Nach seinem vergeblichen Versuch,zu Beginn des 1.Weltkriegs zur österreichischenArmee durchzubrennen, studierte er zunächst mit akademischem Hunger alles mögliche, darunter Philosophie und Kunstgeschichte, in einem von Sigmund Freud und Ludwig Wittgenstein geprägten Wien. Dann zog es ihn Anfang der 20er Jahre dorthin, wo die Musik spielte: nach Berlin.

Hier frequentierte er das berühmte Cafe des Westens, wo er mit Literaten wie Hugo Ball, aber auch (als Assistent und Drehbuchautor) mit Friedrich Murnau und Max Reinhard sowie (als Reporter der Frankfurter Zeitung) mit Maxim Gorki zusammentraf. Anlässe genug, Asad 1922 als bestallten Journalisten der FAZ in das Land seiner Väter, nach Palästina, zu schicken.

Hier entdeckt Asad seine Bewunderung für alles ursprünglich Arabische und bannte sie mit Rilke'schem Duktus in sein erstes Buch Unromantisches Morgenland (Frankfurt: Societätsdruckerei 1924), seinem einzigen auf deutsch geschriebenen Buch. Es läßt erkennen, in welchem Maße sich Asad vom Gebaren der dortigen Zionisten und ihrer Ideologie abgestoßen fühlte und für die palästinensische Bevölkerung Partei ergriff. Erst anschließend entdeckte er auf Reisen im Nahen und Mittleren Osten seine große Liebe auch für die Religion der Araber, den Islam.

Am 27.April 1927konvertierte Asad in Kairo formal zum (sunnitischen) Islam undheiratetedie22JahreälteredeutscheMalerinEIsa(Aziza)Schiemann, geb. Specht, die allerdings während der sofort unternommenen gemeinsamen Pilgerfahrt nach Mekka an Malaria verstarb.

VORWORT 7

Nunmehr nistete sich Asad im jungen Saudi-Arabien seines Freundes -des späteren Königs -'Abd al-Aziz ibn Saud ein, um das vom Propheten Muhammad gesprochene Arabisch und die Religion des Islam an der Quelle zu studieren und sich der arabischen Kultur anzuverwandeln. Dabei half ihm seine aus bestem beduinischen Zelt stammende zweite Frau, Munira bint Husayn asch-Schamar, (Ihr gemeinsamer, 1932 geborener Sohn, Talal Asad, machte sich später an amerikanischen Eliteuniversitäten einen Namen als Kulturanthropologe.)

1932lud der Poet Muhammad Iqbal, geistiger Vater Pakistans, Asad nach Indien ein. Dort, in Lahore, veröffentlichte er 1934 sein erstes, kleines, aber durchschlagendes Buch Islam at the Crossroads (Islam am Scheideweg, Mössingen: Edition Bukhara 2007).

Es enthält eine vernichtende visionäre Kulturkritik am Okzident, seinem Utilitarismus, Konsumwahn, Ausbeuterturn und an seiner Dekadenz.

Dann widmet sich Asad vornehmlich der vielbändigen, kommentierten Übersetzung der von al-Bukhari gesammelten Aussprüche (al-ahadith) des Propheten Muhammad, von der kriegsbedingt nur der erste Band je erscheinen konnte (Sahih al-Bukhari, Lahore 1938). Denn mit Ausbruch des 2. Weltkriegs wird Asad auf fünf Jahre interniert, zumal er mit dem »Anschluß« Österreichs 1938 Deutscher geworden war.

Dem folgte 1947 als zweite Katastrophe das Auseinanderbrechen Indiens. Asad flieht nach Pakistan, rettet sein Leben, verliert aber all seine Manuskripte.

Nun widmet er sich dem pakistanischen Staatsdienst, u.a. als Direktor der Abteilung für Islamischen Wiederaufbau und als Leiter der Nah-und Mittelost-Abteilung im Außenministerium. 1952 wird er pakistanischer Staatsbürger und vertritt Pakistan als Gesandter bei den Vereinten Nationen in New York.

Von Munira geschieden, heiratet er in diesem Jahr seine dritte Frau, Pola Hamida, eine muslimische Amerikanerin polnischer Herkunft, was im gleichen Jahr zu seinem Ausscheiden aus dem Auswärtigen Dienst führt.

Jetzt beginnt Asads Odyssee von Land zu Land, ja Kontinent zu Kontinent, unter Einschlagen einer einzigartigen literarischen Karriere, sofort mit einem Weltbestseller, Der Weg nach Mekka (The Road to Mecca, New York:Simon & Schuster 1954). Kein anderes Buch außer dem Qur'an selbst hat jemals mehr Menschen den Weg zum Islam gewiesen.

Als nächstes folgte The Principles ofState and Government in Islam (Ber

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kley: University of California Press 1961), ein nur 119-seitiges Buch, das nach wie vor als authentischste Darstellung der politischen Dimensionen des Islam und seines Verfassungsrechts gilt. Maßgeblich dafür war, daß Asad darauf bestand, daß der Begriff shari'ah ausschließlich für Normen verwendet wird, die sich in Qur'an und Sunna (überlieferung) des Propheten finden. Alles andere gehöre zur menschengemachten und daher zur Disposition stehenden muslimischen Jurisprudenz (al-fiqh).

1980 schließlich, als Frucht von 17 Jahren beständiger intensiver Ar beit, erschien Asads opus magnum, seine präzise kommentierte Qur'anÜbersetzung in shakespeare'schem Englisch, The Message of The Qur'an (Gibraltar: Dar al-Andalus 1980).Sieist nicht nur zahlreich aufgelegt worden; es handelt sich um die einzige neuzeitliche Qur'an-Übersetzung, die ihrerseits in andere Sprachen übersetzt worden ist (schwedisch; türkisch) und nun in Deutsch vorliegt.

Es handelte sich dabei nicht um den oft zu beobachtenden, aber aussichtslosen Versuch, die Strukturen und den Rhythmus des Arabischen auf englisch nachzuahmen. Vielmehr beschränkte sich Asad darauf, die vielfältige Bedeutung der Qur'an-Verse mit den stilistischen Mitteln des Englischen widerzugeben. Daraus wurde die wohl erfolgreichste Qur'anÜbertragung unserer Tage,neuerdings populär selbst in Saudi-Arabien.

Asad meldete sich 1987 nochmals mit einem Bändchen, This Law of Ours and other Essays zu Wort (Gibraltar: Dar al-Andalus), in dem er sich wiederum -diesmal weitaus pessimistischer, ja desillusionierter -zu den Voraussetzungen eines echten, intakten islamischen Gemeinwesens äußerte. Keine derartige Gemeinschaft sei in Sicht!

Die Rückschau erhellt, daß Asad auf allen Einzelgebieten der Islamwissenschaften -Qur'an, Sunna, Jurisprudenz, Gesellschaftstheorie und Geschichte -Maßgebliches geleistet hat. Daß dies auch für die muslimischen Kernlande gilt, wurde auf einem Asad-Symposium der Hammer-Purgstall-Gesellschaft am 18.Mai 2000 in Wien festgestellt.

Zu diesem Zeitpunkt war Asad bereits nicht mehr unter den Lebenden. Er starb am 20. Februar 1992 in Mijas, in der spanischen Provinz Malaga, seinem letzten Wohnsitz. Begraben wurde er auf dem muslimischen Friedhof in Granada. Könnte es symbolträchtiger sein?

Bonn, im Sommer 2009 Murad Wilfried Hofmann

VORWORT 9

ZUM ANDENKE N AN DEN MÄRTYRERKÖNIG FAYSA L UND EIN HALBES JAHRHUNDER T DER FREUNDSCHAF T

DIE GESCHICHTE EINER GESCHICHTE

Die Geschichte, die ich in diesem Buche erzähle, ist eine Art Selbstbiographie -aber es muß gleich vorweggenommen werden, daß es die Lebensgeschichte eines Mannes ist, der nie in weiten Kreisen bekannt war. Sie handelt nicht vornehmlich von abenteuerlichen Ereignissen -denn obschon mir im Laufe der Jahre viele seltsame Abenteuer zugestoßen sind, war kaum eines von ihnen jemals mehr als eine Begleiterscheinung zu Dingen, die sich in mir selber abspielten. Man kann sie auch nicht als die Geschichte einer vorbedachten Suche nach dem Glauben bezeichnen denn dieser Glaube kam zu mir, langsam, im Verlauf der Jahre, ohne daß ich je bewußt nach ihm gesucht hätte. Meine Geschichte ist einfach die Lebensgeschichte eines Europäers, der den Islam für sich entdeckte und allmählich in die islamische Gemeinschaft hineinwuchs.

Es war mir nie vorher eingefallen, sie zu schreiben, denn ich hatte mir nie gedacht, daß mein Leben für irgend jemand außer für mich selbst von Bedeutung sein könnte. Als ich jedoch zu Beginn des Jahres 1952, nach fast fünfundzwanzigjähriger Abwesenheit vom Abendlande, nach Paris und dann nach New York kam, sah ich mich gezwungen, diese Ansicht zu ändern. Ich war damals Pakistans Gesandter bei den Vereinten Nationen und stand deshalb im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Meine europäischen und amerikanischen Freunde und Bekannten betrachteten mich mit einer gewissen Neugier. Zuerst nahmen sie wohl an, daß mein Fall der eines abendländischen -Spezialisten- wäre, den eine morgenländische Regierung brauchte und verwendete, und daß ich mich aus Bequemlichkeitsgründen der Lebensart des Volkes, dem ich diente, angepaßt hätte; als jedoch meine Tätigkeit bei den Vereinten Nationen es offenkundig machte, daß ich mich nicht nur .dienstlich-, sondern auch gefühlsmäßig und geistig mit den politischen und kulturellen Zielen der islamischen Welt identifizierte, da hob ein Erstaunen bei meinen westlichen Freunden

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an. Sie begannen, mich über meine Vergangenheit und über meine Anschauungen zu befragen. Sieerfuhren von mir, daß ich meine Laufbahn als Sonderkorrespondent einiger der bedeutendsten mitteleuropäischen Zeitungenbegonnenhatte undimJahre 1926,nachjahrelangenReisenkreuz und quer durch den Nahen und Mittleren Osten, Muslim geworden war; daß ich nach meinem übertritt zum Islam nahezu sechs Jahre lang in Arabien lebte und mich der Freundschaft des Königs Ibn Saud erfreute; daß ich dann Arabien verließ und nach Indien ging, wo ich Freundschaft mit Muhammad Iqbal schloß, dem großen islamischen Dichterphilosophen und geistigen Urheber der Pakistan-Idee. Es war Iqbal, der mich bewog, meine Absicht, nach dem östlichen Turkestan, China und Indonesien zu reisen, aufzugeben und in Indien zu bleiben, wo ich ihm helfen könnte, die geistigen und politischen Voraussetzungen des zukünftigen islamischen Staates klarzulegen. In jenen Jahren war -Pakistan- kaum mehr als ein Traum in Iqbals hellseherischem Geiste; für mich jedoch, wie auch für ihn, stellte dieser Traum den einzigen Weg zu einer Wiedererweckung all der schlafenden Hoffnungen der islamischen Welt dar: zur Errichtung einer politischen Gemeinschaft, in welcher die Menschen nicht etwa durch gemeinsame Abstammung, sondern einzig und allein durch ihre Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Weltanschauung aneinander gebunden sein würden. Mehrere Jahre lang widmete ich mich diesem Ziel, forschend, schreibend, Ansprachen haltend; und mit der Zeit erwarb ich mir einen gewissen Ruf als Deuter des islamischen Gesellschaftsrechts und der koranischen Philosophie. Als Pakistan schließlich im Jahre 1947 zustande kam, forderte mich die neue Regierung auf, in ihren Dienst einzutreten. Ich wurde zum Direktor des Amtes für Islamischen Aufbau ernannt, mit der Aufgabe, die wesentlichsten Probleme von Staat und Gemeinschaft im islamischen Sinne zu beleuchten und solcherart eine Grundlage für die künftige VerfassungdesneuenStaateszu schaffen.ZweiJahrespäter wurde ich -wohl in Anbetracht meiner Kenntnis des Mittleren Ostens -ins Außenministerium versetzt und als Unterstaatssekretär mit der Leitung der Mittelost-Abteilung betraut, in welcher Eigenschaft ich mich besonders bemühte, die Bande zwischen Pakistan und der übrigen islamischen Welt zu verstärken und zu vervielfältigen; und nach zwei weiteren Jahren kam ich als Gesandter zu den Vereinten Nationen nach New York.

Als ich nun all dies meinen Freunden in New York erzählte, begriffen sie, daß es sich bei mir nicht etwa nur um eine äußerliche Anpassung an

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die Gemeinschaft handelte, in deren Mitte ich lange Jahre gelebt hatte und deren Regierung ich jetzt diente, sondern um eine bewußte Abwendung von meinem angestammten Kulturkreise und eine ebensolche bewußte Zuwendung zu einem ganz anderen Kreise. Dies jedoch mutete meine abendländischen Freunde gar seltsam an. Sie konnten es sich nicht so recht vorstellen, wieso ein Mann westlicher Geburt und Erziehung sich so vollständig -und anscheinend ohne jeden geistigen Vorbehalt -der islamischen Welt einfügen konnte; wie es ihm möglich gewesen war, sein abendländisches Kulturerbe gegen das Erbe des Islam einzutauschen; und was es eigentlich war, das ihn bewogen hatte, sich einem fremden Glauben hinzugeben, der ja doch -so nahmen sie fraglos an -allen religiösen und gesellschaftlichen Begriffen des Abendlandes ungeheuer unterlegen war ...

Nun aber war es an mir, Fragen zu stellen. Warum denn, fragte ich mich, nehmen meine abendländischen Freunde solch ein Urteil über den Islam ohne weiteres als gültig an? Hat sich auch nur einer von ihnen wirklich die Mühe gegeben, eine unmittelbare Einsicht in die islamische Gedankenwelt zu gewinnen? Gründen sich ihre Meinungen nicht nur auf ein paar Klischees und Zerrbilder, die sie ohne Prüfung von ihren Voreltern übernommen haben? Kann es denn sein, daß die alte griechisch-römische Anschauungsweise -die Zweiteilung des Menschentums in .hie Griechen (oder Römer), hie Barbaren-- im abendländischen Geiste immer noch so tiefverwurzeltist,daßesihm schwerfällt,auch nurdieMöglichkeitwirklicher ethischer Werte in fremden Kulturkreisen in Betracht zu ziehen?

Seit der Zeit der Griechen und Römer sind die europäischen Denker und Geschichtsschreiber gewohnt, die gesamte Weltgeschichte nur vom Standpunkt der europäischen Geschichte und im Lichte abendländischer Kulturerfahrungen zu betrachten. Fremde Zivilisationen fassen sie nur -beziehungsweise, ins Auge -das heißt, nur insoweit als ihr Dasein einen unmittelbaren Einfluß auf die Geschicke des europäischen Menschen aufweist -: und somit sieht das abendländische Auge in der Geschichte der Welt und ihrer mannigfaltigen Kulturen kaum mehr als eine erweiterte Geschichte des Abendlandes.

Ein solch enger Gesichtswinkel muß natürlich eine verzerrte Perspektive zur Folge haben. Der durchschnittliche Europäer oder Amerikaner, der von Kindheit an nur Bücher in die Hand bekommt, in welchen seine eigene Zivilisation und ihre Fragen sehr ausführlich behandelt und in

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